Seit drei Wochen gehört Ikea die 40 Hektar große Villeroy &
Boch-Industriebrache im Lübecker Ortsteil Dänischburg nördlich der Trave. Die Menschen
dort sehnen die Schweden herbei - weil sie glauben, dass diese den
Niedergang stoppen.
Es sind immer dieselben Namen, die fallen: Flender Werft, Metallhütte, Guanowerke, Kraftwerk. Über diese Betriebe mit mehreren tausend Arbeitsplätzen reden die Dänischburger noch heute, auch wenn es sie schon lange nicht mehr gibt. Damals hat die Hansestadt von dem Stadtteil nördlich der Trave gelebt. Diese Zeiten haben sich geändert: Die Grundschule Luisenhof wird geschlossen. Das war es mit Bildung - und mit Sport. Denn auch die Turnhalle wird dicht gemacht. Was bleibt an der 1,3 Kilometer langen Dänischburger Landstraße sind 900 Menschen, der Sportverein mit drei Rasenplätzen, die Kirche, ein kleiner Imbiss und das Clubhaus der Hells Angels.
Der Hoffnungsschimmer heißt Ikea. Im August 2013 eröffnet der schwedische Möbelkonzern auf dem riesigen Areal von Villeroy & Boch. Das Gelände war einst Dreh- und Angelpunkt des kleinen Ortsteils, und die Menschen hoffen, dass es das wieder wird. "Ohne Ikea ist das hier ein Nest. Und ohne Ikea bleibt es auch ein Nest", davon ist Stefan Zech (49) überzeugt. Der gelernte Forstwirt hat sein Geschäft direkt gegenüber des Ikea-Geländes, dort wo sechs Bagger in nur einer Woche 25 000 Quadratmeter große Hallen platt gemacht haben. Jeden Nachmittag lockt das Abriss-Spektakel die Dänischburger an, seither hat Zech Laufkundschaft, seitdem ist seine Flyer-Box leer. Er hofft, die Bauarbeiter bald mit frischen Würstchen beglücken zu dürfen. "Wir würden gerne das Catering übernehmen", sagt Zech, der Wild aus Lübecker Wäldern verkauft. Er und sein Bruder haben den alten Güterbahnhof gekauft und setzen auf die große Ansiedlung Ikea, "damit hier endlich etwas passiert".
Darauf hofft auch Pastor Rainer Fincke. Der 57-Jährige verbindet mit Menschen wie Zech Zukunft. "Wir brauchen Leute, die etwas wollen, die hungrig sind", sagt Fincke. Das bringe wieder Leben zurück in den Stadtteil, dessen Hauptproblem "eine gewisse Depression" sei, die nach all den Werksschließungen eingesetzt habe. Durch Ikea, neue Jobs und die Wiederbelebung des Bahnhaltepunktes Dänischburg erhofft sich Fincke den Zuzug von jungen Leuten und Familien. Der Pastor sitzt auf einem kleinen Kinderstuhl in St. Paulus. Das Gemeindehaus ist Kirche, Versammlungsort und Kindertagesstätte in einem. Wer sich in Dänischburg trifft, trifft sich hier. Ob Geburtstag, Trauerfeier oder Anwohnerversammlung von Ikea. 14 Plätze der Kita sind belegt. Die Gemeinde überlegt aber, sie auszubauen - auch, um Kinder von Ikea-Mitarbeitern unterbringen zu können.
Fincke schätzt die Dänischburger als hilfsbereite, bodenständige und zupackende Leute. "Viele Frauen im Ort wollen gern Jobs bei Ikea bekommen - im Verkauf oder in der Gastronomie", hat er mitbekommen. Lächeln muss der Pastor, als das Gespräch auf den Otter kommt. Das Tier, das angeblich gefährdet wird durch das neue Cafe an der Trave. Fincke: "In Dänischburg gibt es niemanden, der das so richtig verstanden hat."
Ja, der Otter. Über den muss auch Thomas Wiese den Kopf schütteln. "Der Schiffsanleger, das Cafe - das sind auch alles Sachen für die Dänischburger", sagt der 56-Jährige, der die personifizierte SPD in Dänischburg ist. Er kenne "keine negativen Äußerungen" bezüglich Ikea, nicht einmal von den direkten Anwohnern. "Die Dänischburger ertragen viel", weiß Wiese. Der Ortsteil sei immer Industriestandort gewesen, da war die Straße mal weiß, mal rot - je nachdem, welchen Staub die Laster transportierten, und in Bäumen hingen schon mal Holzspäne. Selbst mit den Hells Angels direkt gegenüber von Ikea gebe es keine Probleme. "Die sind absolut unauffällig und ruhig." Zum Tag der offenen Tür dort kommen die Nachbarn.
Ikea? Gern würde Werner Volkmann, Chef des TSV Dänischburg, auch Betriebssport für die Mitarbeiter anbieten. Aber die Turnhalle wird geschlossen. "Das tut richtig, richtig weh", sagt der 60-Jährige.
Die Senioren-Gymnastik kann er aufgeben - und andere Sportarten, die drinnen stattfinden, auch. Sein Verein ist von 400 auf 260 Mitglieder geschrumpft. "Wir liegen am Ende von Lübeck", klagt Volkmann. "Wir können immer nur durch Leistung auffallen." Jetzt will der Verein ökologisch werden und setzt auf Ikea. 120 000 Euro kostet es, das Clubhaus klimaneutral umzubauen. Volkmann will beim Möbelkonzern nach Geld fragen.
"Ikea ist eine Bereicherung für den Stadtteil", da ist sich Gerd Stabaginsky, Chef des Siedlerbundes, sicher. Was die Leute aber irritiere, sei, dass keine heimische Firma zum Zuge gekommen ist beim Abriss der Villeroy & Boch-Hallen. Stabaginsky: "Das verwundert viele."
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